von Stephan Grigat
Auszug
DEM KOMMUNISMUS
GEHT ES NICHT UM EINE DIKTATUR VON MENSCHEN ÜBER MENSCHEN, SONDERN UM EINE
DIKTATUR DES WILLENS UND DER WÜNSCHE DER MENSCHEN ÜBER DIE
SACHLICH-MATERIELLEN BEDINGUNGEN IHRES DASEINS.
"Kommunismus ist ein Begriff, der sich einer Definition im Sinne der gängigen
Sozialwissenschaften entzieht. Streng genommen ist Kommunismus nichts weiter
als die Bewegung der materialistischen Kritik. Kritiker, die Propaganda
verabscheuen, sollten sich weigern, allzu detaillierte Beschreibungen einer
befreiten Gesellschaft zu liefern. Aus der Kritik des Bestehenden ergibt sich
allerdings in Grundzügen auch, was statt dessen sein sollte: Dem Kommunismus
geht es nicht um eine Diktatur von Menschen über Menschen, sondern um eine
Diktatur des Willens und der Wünsche der Menschen über die sachlich- materiellen Bedingungen ihres Daseins.
Kritischer Theorie geht es darum, gesellschaftliche Zustände zu schaffen, die
es den Menschen erstmals ermöglichen, ihr Leben selbstbewußt, das heißt,
jenseits der Verwertungs- und Herrschaftsimperative von Staat und Kapital, zu
planen. Das wäre dann nicht das Paradies auf Erden, in dem es keine Probleme
und Widersprüche mehr gibt, aber eine nach Maßgaben der Vernunft
eingerichtete Gesellschaft, in der niemand, und zwar nirgendwo auf der Welt,
verhungern muß, weil er über keine zahlungskräftige Nachfrage verfügt.
Kommunismus in diesem Sinne hat weder mit dem traditionellen Marxismus noch
mit alternativen Verzichtsideologien etwas zu tun; und vielleicht sollte man
den Vorschlag des Autorenkollektivs von Situationistische Revolutionstheorie
aufgreifen, die vorschlagen, mit Kommunismus die staatskapitalistischen und
sonstigen Verunstaltungen der Marxschen Kritik zu bezeichnen, für das Projekt
der allgemeinen Emanzipation im Sinne Kritischer Theorie aber auf die
Schreibweise des 19. Jahrhunderts zurückzugreifen, also den Communismus gegen
den Begriff des Kommunismus, der vor einer erneuten Verwendung im positiven
Sinne desinfiziert werden müßte, in Anschlag zu bringen. (Biene u. a. 2005:
11 f.)
Kritischer Theorie geht es weder um eine gleichmäßige Verteilung des Elends,
noch um Konsumverzicht. "Luxus für alle" kommt den Marxschen wie Adornoschen
Intentionen schon sehr viel näher. Kommunistische Kritik will nicht
vorbürgerliche Verhältnisse herstellen, weder was die Produktivität betrifft
(bei aller notwendigen Kritik an einer unter dem Kapitalverhältnis
entwickelten Technik), noch was die begonnene Emanzipation des Individuums
aus den Fesseln archaischer Gemeinschaften angeht. Kommunistische Kritik
kreidet dem Kapitalismus nicht an, daß er beispielsweise
"Revox"-Stereoanlagen hervorgebracht hat, sondern, daß solche Dinge, obwohl
das nicht notwendig wäre, den meisten Menschen vorenthalten werden; nicht
durch den bösen Willen irgendwelcher Einzelner oder dem bewußten Handeln
einer Klasse (auch, wenn das dabei eine Rolle spielt), sondern durch die
Logik eines Systems, das sich nicht an den Bedürfnissen von Menschen, sondern
an der Verwertbarkeit des Kapitals orientiert. Kommunistische Kritik kreidet
der bürgerlichen Gesellschaft nicht an, daß sie bestimmte Freiheits- und
Individualrechte hervorgebracht hat, sondern weist darauf hin, daß eine
Gesellschaft, die solche Rechte notwendig hat, weiterhin eine gewalttätige
Gesellschaft ist. Diese Kritik richtet sich nicht gegen das Glücksversprechen
der Bürger, sondern versucht seinen ideologischen Gehalt aufzuzeigen und zu
verdeutlichen, daß dieses Versprechen in der bürgerlichen Gesellschaft gar
nicht eingelöst werden kann.
Zudem weiß Kritische Theorie, daß es etwas Schlimmeres gibt als den
Kapitalismus und die bürgerliche Gesellschaft: ihre barbarische Aufhebung.
Für diese negative Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft steht Deutschland,
dafür stehen Nationalsozialismus und Faschismus, dafür stehen auch
panarabisch-nationalistische und islamistische Ideen. Diese Ideologien stehen
für einen ressentimentgeladenen Antikapitalismus, der das vom Kapital
verursachte Elend nicht abschaffen, sondern nur anders, nämlich
volksgemeinschaftlich oder ummasozialistisch, organisieren möchte und die
zynische, den Tod zahlreicher Menschen achselzuckend in Kauf nehmende
instrumentelle Vernunft der bürgerlichen Gesellschaft noch durch die
wahnhafte Vernichtung von Menschen um der Vernichtung willen ergänzt."