Den Ring zurückerobern!

Donnerstag, 8. März 2007 @ 10:34


von Vera Schwarz

Die Uni: Ein männlicher, reaktionärer Ort? Nichts Neues, muss mensch feststellen ... Dieser Artikel soll aufzeigen, wie sich auch der Standort der Uni Wien ganz in diese unheilvolle Kontinuität einreiht.

Die Adresse der Uni Wien ist Dr.-Karl-Lueger-Ring 1. Lueger war Gründer der Christlichsozialen Partei (Vorgängerin der ÖVP) und von 1897 bis 1910 Wiener Bürgermeister. Lueger brachte der Stadt Wien (angeblich) einige soziale Errungenschaften. Lueger war bekennender Antisemit. Lueger war bei der Bevölkerung (angeblich) sehr beliebt. Der entsprechende Teil des Rings wurde 1934 im christlich-faschistischen Ständestaat nach Lueger benannt.

Auch heute noch steht also die Uni Wien an einer Straße, die nach einem bekannten Antisemiten benannt ist. Es müsste doch aber gar nicht so sein! Schon Anfang 2003 hatte die ÖH Uni Wien – in Folge eines Politikwissenschaft-Seminars (Vergangenheitspolitik bei Walter Manoschek) – im Senat einen Antrag eingebracht, die Uni Wien möge von der Stadt Wien die Umbenennung des Ring-Abschnitts fordern. Manche können sich vielleicht sogar noch daran erinnern, dass damals auch Unterschriftenlisten für dieses Anliegen kursierten und dass die ÖH Uni Wien versucht hat, diesem Anliegen insgesamt eine möglichst große Öffentlichkeit zu verschaffen ... Allem Anschein nach (Genaues ist heute schwer zu eruieren, Senats-Protokolle sind nicht öffentlich) führte dieser Antrag aber zu keinem Ergebnis!

Dabei war das Konzept eigentlich gut durchdacht: Konkret wurde vorgeschlagen, die Straße in "Dr.in-Elise-Richter-Ring" umzubennen – der Name der Wissenschafterin jüdischer Herkunft sollte quasi die Antithese zum Namen des christlichen Antisemiten sein. Dr.in Elise Richter war eine der ersten Frauen, die in Wien Geisteswissenschaften studierten. Sie war renommierte und anerkannte Romanistin und erhielt in diesem Fachbereich auch als erste Frau eine Lehrbefugnis, sowie (später) den Titel Ao. Prof.in. Sie lehrte zwanzig Jahre unbezahlt, bis ein Lehrauftrag erstmals die Bezahlung ihrer Lehrtätigkeit ermöglichte. Ihrer jüdischen Herkunft wegen wurde sie vom NS-Regime sofort nach dem "Anschluss" von der Universität vertrieben. Weil sie sich weigerte, Wien zu verlassen (trotz vorhandener Unterstützungs-Angebote) wurde sie schließlich im Oktober 1942 – gemeinsam mit ihrer Schwester, ebenfalls Wissenschafterin – in das Lager Theresienstadt deportiert, wo sie nicht einmal ein Jahr später an den Folgen der unmenschlichen NS-Politik starb.

Es verwundert schon ein wenig: An und für sich ist ja Elise Richter (mittlerweile) eine der bekannteren Wissenschafterinnen unter denjenigen mit einer solchen oder ähnlichen Biographie. An der Uni Wien ist ein Hörsaal/Veranstaltungssaal nach ihr benannt, es gibt ein "Karriere-Entwicklungsprogramm für Frauen", das ihren Namen benutzt und seit kurzem auch eine "Plattform Elise Richter", die sich für die Aufstellung weiblicher Büsten im Arkadenhof und für die bessere Repräsentanz von Frauen im Wissenschaftsbetrieb überhaupt einsetzt. Trotzdem ist es offenbar nach wie vor unmöglich, den Ring-Abschnitt, an dem die Uni Wien liegt, nach ihr zu benennen. Daran zeigt sich wieder einmal, wie unwahr und geheuchelt die ständigen Lippenbekenntnisse der "ManagerInnen" der Uni Wien sind: Die Bekenntnisse zur Frauenförderung und Stärkung der Position von Frauen, die Bekenntnisse gegen Faschismus und Diktaturen und für Pluralität und Meinungsfreiheit genauso wie die Bekenntnisse zur wissenschaftlichen Selbstreflexion!



Zuerst erschienen in g e z e i t "geräumt" – Zeitung der FV Gewi 06/2006.

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