Von der Utopie der sexuellen Befreiung
Wenn wir über sexuelle Befreiung nachdenken, haben wir es mit Widersprüchen zu tun. Sehr unterschiedliche Hoffnungen, aber auch Ängste sind mit ihr verbunden. Jede und jeder versteht etwas anderes darunter, jede und jeder erwartet etwas anderes von ihr.
Wir können sagen, die sexuelle Befreiung ist ein Stück Realität geworden, oder, dass sie ein Fortschritt ist.
Ebenso richtig ist aber auch, sie als gescheitertes und uneingelöstes Versprechen zu sehen.
Wahrscheinlich ist sie trotz allem immer noch besser, als die rigide „Sittlichkeit“ der Nachkriegszeit.
Blenden wir ein paar Jahrzehnte zurück.
„Dem ganzen Staatsgefüge droht Gefahr!“ „Diese Forschungsergebnisse müssen genau so geheim gehalten werden, wie die Ergebnisse der Atomforschung!“ So der deutsche Soziologe Helmut Schelsky im Jahr 1957.
Was war geschehen? Um welche Forschungsergebnisse ging es?
In den USA waren die zwei Kinsey-Reporte über das sexuelle Verhalten des Mannes und der Frau erschienen.
In diesen groß angelegten Studien des Instituts für Sexualforschung an der Universität von Indiana wurde unter der Leitung von Alfred Kinsey erstmals das sexuelle Leben in den USA wissenschaftlich untersucht und beschrieben.
Dabei kam heraus, dass bisher tabuisierte und in den USA teilweise (bis heute) noch verbotene Sexualpraktiken, wie Masturbation, homosexuelle Kontakte, voreheliche und außereheliche Sexualität, Sexualität im Alter, Sodomie, anale und orale Sexualität auch in der durchschnittlichen amerikanischen Bevölkerung weit verbreitet waren.
Mit den Kinsey-Reporten wurde eine bis dahin unbekannt vielfältige Bandbreite sexuellen Verhaltens aufgezeigt und öffentlich diskutierbar gemacht.
In Deutschland wurden Stimmen laut, wie etwa der oben erwähnte Soziologe Helmut Schelsky, die die Verbreitung der Kinsey-Reporte unbedingt verhindern wollten. Und zwar mit dem Argument, dass wenn hierzulande die Menschen wissen, was in den USA praktiziert wird, sie zu ungezügelter und ausschweifender Sexualität verführt werden könnten. Das müsse verhindert werden, weil sonst eben dem „ganzen Staatsgefüge Gefahr drohe“.
So groß und mächtig wurde Sexualität gedacht.
Als eine gegenläufige Bewegung etablierte sich etwa ein Jahrzehnt später die Ideologie der „sexuellen Befreiung“.
Sie dachte die Sexualität aus einer anderen Perspektive ebenso groß und mächtig. Es gab die Vorstellung, mit einer „befreiten“ Sexualität die ganze Gesellschaft befreien und positiv verändern zu können, so wie es der Sexualtheoretiker Wilhelm Reich versprochen hatte. Andere verklärten die Sexualität zur menschlichen Glücksmöglichkeit schlechthin. Wenn sie nur endlich so früh, so oft, so vielfältig, so hemmungslos und so ungebunden wie möglich praktiziert werden könnte.
Heute sind beide Bewegungen, die die Sexualität so groß und mächtig dachten, viel leiser geworden. Frei gegebenere sexuelle Verhältnisse figurieren weder als Metapher für das Verderben, noch für unbegrenzte Freiheit oder Glück. (Ich spreche hier von unserem kulturellen Mainstream und nicht von der neuen religiösen Rechten in den USA oder vom konservativen Islam.)
In den späten 60er und 70er Jahren etablierte sich ein neuer massenkultureller Umgang mit dem Sexuellen. Zuerst wurde er „Sexwelle“ genannt, später dann „sexuelle Revolution“. Gemeint waren die Verfügbarkeit und steigende Anwendung der Pille, „Oben Ohne“, Minirock, Sexualaufklärung für Jugendliche, Verbreitung von Pornographie, Peepshows, Beate Uhse, sexuelle Ratgeber-Kolumnen, Aufklärungsfilme, Oswalt Kolle, Kommunen und mehr.
Die sexuelle Landschaft begann sich grundlegend zu ändern.
Ein Motor dafür war und ist der sich prosperitiv entwickelnde Kapitalismus, der ständig nach neuen Verwertungsmöglichkeiten sucht und diese auch in der Sexualität sah und sieht. Woraus der Kapitalismus Gewinn machen will, schützt und organisiert er auf seine Weise. Er denkt die Sexualität nicht „groß“. Er will sie groß vermarkten. Für diese Vermarktung ist die Sexualität heute freigegeben und in den Dienst genommen.
Wie ist sie aber heute wirklich?
Einerseits haben wir es tatsächlich mit freieren Verhältnissen zu tun:
Es gibt eine sexuelle Liberalisierung. Die Sexualität ist der persönlichen Lebensgestaltung zugeordnet und der Entscheidung der Individuen überlassen.
Die Menschen dürfen selber darüber nachdenken, was ein gutes sexuelles Leben für sie bedeutet. Die Regulierung der Sexualität ist nicht mehr Sache von Institutionen. Gutes sexuelles Leben bedeutet für die meisten die Erfüllung sowohl eigener Bedürfnisse – ich möchte Lust erleben – als auch der Bedürfnisse des oder der anderen. Auch der Partner, die Partnerin soll Lust erleben. Weitgehend bestimmt heute also eine Verhandlungs- oder Beziehungsmoral die Art und Weise der sexuellen Interaktion, und nicht eine vorgegebene „Sittlichkeit“.
Neue, sichere und verfügbare Verhütungsmethoden ermöglichen die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung. Wer weniger Angst vor unerwünschten Schwangerschaften haben muss, kann die Sexualität anders genießen. Das betrifft Frauen und Männer.
Diese möglich gewordene Trennung von Sexualität und Fortpflanzung hat noch andere Auswirkungen. Dadurch dass sie bereits selbstverständliche Lebenspraxis geworden ist, hat sie auch dazu beigetragen, bisher tabuisierte sexuelle Verhaltensweisen zu enttabuisieren. Noch vor 50 Jahren war das, was unter der so genannten „normalen“ Sexualität verstanden wurde, ausgerichtet am Geschlechtsverkehr. Der sollte zwischen Frauen und Männern im fortpflanzungsfähigen Alter stattfinden. Genitalität, Heterosexualität und Fortpflanzung waren die Dienste, in denen Sexualität stehen sollte. Alles, was davon abwich, also Homosexualität, Masturbation, Oralverkehr, außereheliche Beziehungen oder die sexuellen Aktivitäten älterer Menschen, galt als „unnatürlich“ und unsittlich. Dieses Wertesystem wurde von einer geschlossenen Phalanx aus dem Staat mit seinen Gesetzen, den Kirchen mit ihren Sündenregistern und einer massiven Ideologieproduktion abgestützt. Dass die sexuelle Praxis sich nicht immer an den Vorgaben der Institutionen orientierte, zeigte etwa der Kinsey-Report. Daher der Schock.
Heute ist das anders. Gesetze haben sich geändert, kirchliche Normen
verloren an Gewicht, die Menschen änderten ihre Einstellungen und Verhaltensweisen. Denken Sie etwa daran, dass Homosexualität im Nationalsozialsozialismus mit der Todesstrafe und vor wenigen Jahren noch mit Gefängnis bedroht war. Heute dürfen Homosexuelle heiraten, werden Bürgermeister von Berlin oder moderieren Weihnachtssendungen im ORF. Es ist eine tiefgreifende Kulturrevolution vor sich gegangen. Denken Sie etwa auch an das Gerichtsurteil, das ein homosexueller LkW-Fahrer im November in Salzburg gegen seine ihn mobbenden Kollegen erkämpft hat.
Denken Sie daran, wie den meisten Jugendlichen meiner Generation noch eingeimpft wurde, dass Masturbation nicht nur eine schwere Sünde, sondern auch Rückenmark zersetzend sei. Heute wird im Sexualkundeunterricht Masturbation als ein mögliches Kennenlernen des eigenen Körpers vorgestellt. Denken Sie daran, dass Oralverkehr in Zeitschriften nicht länger als eine Perversion, sondern eher als eine zu erlernende Kunst figuriert. Oder, dass sexuelle Aktivitäten von älteren Menschen heute als gesundheitsfördernd propagiert, anstatt den „cerebralen Neurosen“ zugeordnet werden.
Viel mehr ist möglich. Die so genannte „normale“ Sexualität ist relativiert.
Ich möchte nicht missverstanden werden. Dies ist kein Plädoyer gegen sexuelle Normen an sich. Wir brauchen immer auch Normen und Tabus. Und zwar zum Schutz der Schwächeren, wie es Abhängige oder vor allem Kinder sind. Es gehört zweifellos auch zur Habenseite der sexuellen Befreiung, dass etwa der immer praktizierte sexuelle Missbrauch von Kindern heute öffentlich diskutierbar geworden ist, dass eine Rechtssprechung, Begrifflichkeiten und eine Sprache dazu entstanden sind, dass Kinder davor gewarnt werden und sich überhaupt dazu äußern dürfen.
Vieles zum Positiven verändert hat sich auch für Frauen. Ihnen wird eine eigenständige Lust zuerkannt. Denken wir auch hier daran, dass die Leugnung des genuin weiblichen Begehrens bis in die 30er Jahre des letzten Jahrhunderts wissenschaftliche Lehrmeinung war.
Wir alle profitieren von dem Mehr an Aufklärung und Wissen, das wir uns über Sexualität aneignen können. Die meisten jungen Männer wissen etwa heute, dass die Klitoris ein ganz besonderes Organ ist.
So weit, so gut und die Habenseite der so genannten sexuellen Befreiung. Leider bin ich noch nicht am Ende.
Hinter der Oberfläche einer sich lustfreundlich gebenden Sexualmoral lauern heute andere, neue Einschränkungen und Normen.
Sexualität ist mehr denn je mit Beziehung verschweißt. Sexualität findet in festen, aber auf einander folgenden, wechselnden Beziehungen statt. Die Schlagworte dazu lauten: „Lebensabschnittspartner“ und „serielle Monogamie“. Über 90 Prozent aller Geschlechtsverkehre finden in dieser neuen Form von „fester Beziehung“ statt. Sexualität und Beziehung sind viel mehr Eins geworden, als dies früher der Fall war. Wenn die Sexualität scheitert, wird auch die Beziehung beendet. Vernunft, Verzicht, Normen, einseitige Abhängigkeiten, wirtschaftliche Gemeinsamkeiten und gemeinsame Verantwortungen, wie etwa gegenüber den Kindern, treten in den Hintergrund.
So gesehen scheinen sich heute verantwortungsvolle Liebe und sexuelle Freiheit mehr denn je auszuschließen.
Wie immer man dazu steht, die Sexualität ist jedenfalls nicht von der Norm einer exklusiven und monogamen Zweierbeziehung getrennt worden. Ganz im Gegenteil!
Mit diesem Befund ist das Kernstück dessen, was die Ideologen der sexuellen Befreiung unter ihr verstanden haben, gescheitert.
Junge Menschen weisen heute sexueller Treue einen höheren Rang zu als vor zwanzig Jahren. Dies ist ein signifikantes Ergebnis der großangelegten Vergleichsstudie in Deutschland über „Jugendsexualität“, die im 20-Jahres Intervall durchgeführt wird. Jugendliche sind demnach heute in festen Beziehungen nicht nur öfter treu, sie leben auch häufiger in festen Beziehungen. Und sie weisen sexueller Treue einen noch höheren Wert bei als Erwachsene.
Eine Erklärung dafür könnte die wachsende Unsicherheit der modernen Welt im Großen sein. Da, wo ein substantielles Gefühl der Bedrohung die Menschen erfasst, nimmt die Sehnsucht nach Idylle, Harmonie, privater Sicherheit und Ausschließlichkeit zu.
Modern mutet dazu ein Satz von Sigmund Freud in einem seiner Hauptwerke „Das Unbehagen in der Kultur“ an.
Freud schreibt: „Der Kulturmensch hat für ein Stück Glücksmöglichkeit ein Stück Sicherheit eingetauscht.“
Eine zweite aktuelle Einschränkung unserer scheinbar lustfreundlichen Sexualmoral ist das Diktat der Schönheit.
Wir haben keine Verfügbarkeit darüber, ewig jung und schön, immer zur Lust bereit, immer sexuell zu funktionieren und orgasmusfähig zu sein. Paradigma der sexuellen Unverfügbarkeit ist die Erektion des Mannes, oder eben die Nicht-Erektion. Sie ist der willkürlichen Motorik entzogen. Die Menschen wollten sich noch nie damit abfinden und haben zu allen Zeiten versucht, mit List und Tücke diesen Kränkungen und Begrenzungen ein Schnippchen zu schlagen.
Heute verfügen wir über ungemein wirksame Mittel. Körper und Sexualität sind ein Milliarden-Businnes geworden.
Wir bewegen uns auf dem wirtschaftlich und seelisch bedeutsamen Feld der sexuellen Prothetik, der Kosmetik, der Schönheitsoperationen, der Silikonfarmen, des Fettabsaugens und Krankhungerns. Diese massenhaft propagierten Möglichkeiten erzeugen Bilder. Wir sehen sie täglich. Schöne, makellose, junge, straffe, erotische oder muskulöse Körper füllen Plakate, Werbung und Medien. Prominente Idole haben solche Körper und kleiden sie noch dazu mit für die Masse unerschwinglichen, aber dennoch so genannten „must-haves“.
Die Bilder, die wir anschauen, schauen auch zurück. Sie durchschauen die Betrachter und legen deren körperliche Mängel bloß. Sie erzeugen Schamgefühle, diesen Normen nicht zu genügen. Mediale, optische Ich-Ideale prägen machtvoll unser Verhältnis zum eigenen Körper. Wenn Frauen etwa beim Friseur eine Modezeitschrift durchblättern, fühlen sie sich nachher deutlich ungenügender und unattraktiver als vorher.
Was, glauben Sie, antworten junge Frauen auf die Frage, woran sie beim Sex am häufigsten denken? „Wie kann ich meine körperlichen Mängel am besten verbergen?“ Logisch, dass damit jede sexuelle Befreiung konterkariert ist. Es handelt sich um ein neues Gefängnis.
Doch nicht nur der Körper, auch das Sexuelle insgesamt wird heute anders präsentiert.
Wir sind umgeben von einer allgemeinen Pornographisierung und Sexualisierung. Nicht nur im expliziten Pornofilm, sondern auch in Videoclips, in der Popkultur, im Internet, in der Werbung oder in der Kunst werden eindeutige sexuelle Szenen gezeigt. Jugendlichen werden so schon vor der Pubertät sexuelle Skripte und erotische Ideale in die Köpfe gesetzt. Es ist sehr schwer, diese vorfabrizierten medialen Schablonen abzuschütteln. Sie erzeugen einen sehr speziellen Leistungsdruck. Empfindungen darauf sind etwa „Ich bin nicht so hemmungslos und so leidenschaftlich“ oder „bei mir ist es nicht so“.
Wir hören in der Beratungsstelle zunehmend, dass junge Mädchen diesem Druck mit exzessivem Trinken und junge Männer mit Flucht vor der Sexualität begegnen.
Daneben umgibt uns eine neue „mediale Intimität“.
Sexuelle Abneigungen, Vorlieben, Perversionen werden öffentlich so breit getreten, als spräche man über Kochrezepte. Diese „mediale Intimität“ erzeugt scheinbar Freizügigkeit und eine Illusion von Selbstverständlichkeit und Schamlosigkeit. Aber, natürlich gibt es in der Realität eben doch - Scham, Hemmung und Scheu.
Zu viel und ständige Präsenz neutralisiert und banalisiert die Sexualität eher, als dass sie sie befreit. Die übertriebene kulturelle Inszenierung des Sexuellen zerstreut das Begehren vielleicht wirksamer als die gute alte Repression.
Begehren lebt auch von Verbot und Tabu. Leidenschaftliches sexuelles Erleben hängt eng mit Verboten und seiner Wirkung auf die Sexualität zusammen. Die sexuelle Handlung wird durch die Existenz des Verbotes zu einem besonderen Vorgang. Auch die der eigentlichen sexuellen Handlung vorausgehende knisternde Spannung wird vom Verbot stimuliert.
Das fehlende Tabu hat auch Auswirkungen auf bisher „abweichend“ genannte und denunzierte sexuelle Verhaltensweisen. Ihrem Begehren wird ebenso ein Stück des alten Reizes genommen, indem sie immer selbstverständlicher und akzeptierter werden. Wir können das an Verhaltensweisen von homosexuellen Männern ablesen. Einerseits gleichen sie sich der Idylle, der Ehe, der sexuellen Treue und Harmonie an. Gleichzeitig mit dieser gesellschaftlichen Integration haben sich – so der selbst homosexuelle Sexualforscher Martin Dannecker - unter homosexuellen Männern aber sadomasochistische Praktiken und Selbstdarstellungen enorm verbreitet. Der Kick des Verbotes wird verlagert. Das trifft selbstverständlich auch auf die heterosexuelle Welt zu.
Sexualität wird kaum noch in die Nähe von Freiheit, Ekstase, Rausch oder Gier gerückt. Soziologen sprechen von einer „längst allgemein gewordenen sexuellen
Langeweile“. Der öffentlichen Über-Sexualisierung steht eine private De-Sexualisierung gegenüber. Alle ernsthaften wissenschaftlichen Untersuchungen über das sexuelle Verhalten in den westlichen Industriegesellschaften stimmen darin überein, dass die gesamte heterosexuelle Welt immer inaktiver wird. Die Koitushäufigkeit nimmt ab, ebenso außereheliche sexuelle Beziehungen. Gleichzeitig gewinnt die Masturbation als eigenständige Form der sexuellen Betätigung auch in festen Beziehungen immer mehr Platz und Anerkennung.
„I bin z´miad“, sagen sogar schon Tiroler Lehrlinge laut einer Studie der Universität Innsbruck, wenn sie gefragt werden, was sie an der Sexualität hindert.
Sexuelle Befreiung hieße auch, dass jeder Mensch in seinen Phantasien, seinen Wünschen und in seiner Realität sowohl aktive wie passive, mächtige wie ohnmächtige, aggressive und sanfte, dominante und hingebungsvolle Regungen zulassen und leben könnte. Die erotische Genussfähigkeit eines jeden von uns wäre dadurch reicher. Doch diese Eigenschaften sind in unserer immer noch patriarchalen Kultur vor allem jeweils Männern oder Frauen zugeordnet und auch hierarchisiert. Solange es Geschlechterdifferenzen gibt, die aus dem einen Geschlecht ein scheinbar starkes und aus dem anderen ein scheinbar schwaches machen, kann sexuelle Befreiung nicht wirklich gelingen.
Er: „War ich gut?“. Sie: “War ich gemeint?“
Dieses männliche „Stärke-zeigen-müssen“ und dieses weibliche Minderwertigkeitsgefühl sind immer noch ein vor allem gesellschaftliches Schicksal. Volkmar Sigusch, Professor für Sexualwissenschaften an der Universität Frankfurt schreibt dazu: „Erst wenn die Frau gesellschaftlich gleichwertig ist, und das geht bei uns nur per more oeconomico und nicht per Volkshochschule oder per Selbsthilfe, erst wenn die Eltern dem Kind bewusst und unbewusst ihre Gleichwertigkeit in der Differenz signalisieren können, wird vielleicht der kollektive Teufelskreis unterbrochen werden, der von Generation zu Generation aus dem einen Geschlecht das Erste und aus dem anderen Geschlecht das Zweite macht.“
Und hieße sexuelle Befreiung nicht auch, dass die Verschmelzung und Nähe im sexuellen Akt uns lustvoll regredieren ließe? Das ist immer riskant. Aber solange die Kinder in der Mehrheit fast ausschließlich von Frauen aufgezogen werden und der Vater eher als der „ferne“ Vater erfahren wird, ist es noch riskanter. Die erste Liebesbeziehung ist die zur Mutter. In unserer Kultur ist diese Liebesbeziehung eine sehr ausschließliche und dadurch mit zu viel Nähe und Abhängigkeit verbunden. In der sexuellen Begegnung werden wir alle an Himmel und Hölle dieser frühen, abhängigen Beziehung zur Mutter erinnert. Nichts ersehnten wir mehr, nichts ängstigte uns mehr, als der Mutter nah, als ihr fern zu sein. Nichts ersehnen wir mehr, nichts ängstigt uns mehr, als unseren Liebespartnern nah, als ihnen fern zu sein. Alles ist bedrohlich.
Zu große Nähe erstickt und die Ferne macht Angst. Die Fähigkeit zur sexuellen Regression und Lust ist zugleich das Verlassen der Mutter und ihr Wiederfinden.
Ein großes Stück Befreiung könnte also durch sozialen und kulturellen Fortschritt, wie etwa durch die Überwindung des Patriarchats, gelingen. Doch es ist nicht so einfach.
Unser sexuelles Begehren ist auch von Grund auf konflikthaft und dem bewussten Zugriff weitgehend entzogen.
Im Sexuellen selbst liegt viel Widerständiges, das nicht aufzulösen ist und einer endgültigen Befreiung im Weg steht.
Sexualität ist nicht gleichzusetzen mit dem Sexuellen.
Das Sexuelle, das Triebhafte ist unbewusst, primärprozesshaft, ist in Bewegung, ohne Richtung und ohne Objekt. Es strebt nur nach Lust. Es ist noch nicht konkreter Wunsch. Es ist noch nicht sozial ausgeformt.
Das, was wir Sexualität nennen, ist das Gewordene. In einer langen und komplizierten Kulturentwicklung, aber auch im Einzelnen wurde und wird sie konkreter ausformuliert und festgelegt. Ob erlaubt oder verboten, heterosexuell, homosexuell oder pervers, die konkrete Sexualität stellt immer schon die Einschränkung und Disziplinierung des Sexuellen an sich dar.
Der Mensch ist auch ein kulturelles Wesen. Jede Kultur baut auf Triebverzicht, also auf der Disziplinierung des Sexuellen auf.
Das ist eine Grundannahme psychoanalytischer Kulturtheorie.
Also ist doch etwas Großes und Machtvolles in der Sexualität verborgen.
Neben aller kulturellen Formung und Uniformierung ist unsere Sexualität auch individuell und einzigartig. Das ganz persönliche Triebschicksal eines Menschen prägt und leitet seine Sexualität. Liebesbeziehungen und Lusterleben gibt es beim Erwachsenen nicht losgelöst von vorausgegangenen Empfindungen und Erfahrungen des Lebens. Also auch von den ersten, immer Weichen stellenden Gefühlen, Erlebnissen und Beziehungen der frühen Kindheit.
Beziehung und Lust sind von klein auf nicht nur mit Glück, Anerkennung und dem Gefühl des Einzigartigen verbunden, sondern auch mit Einsamkeit, Beschämung, Verständnislosigkeit, Gewalt, Unterdrückung, Verbot und Angst. Niemand entgeht diesen Risiken. Wir alle tragen davon Wunden und Narben. In der sexuellen Begegnung werden sie sichtbar. Ängste und Konflikte, die in Zusammenhang mit dem Selbstwert, mit Nähe und Beziehung stehen, tauchen auf. Sie können inszeniert, umgangen, kompensiert oder durch sexuellen Verzicht scheinbar vermieden werden. Jede sexuelle Begegnung ist die Hoffnung auf einen Neubeginn und doch auch die Wiederholung des Alten.
„Die Sexualität gehört zu den gefährlichsten Betätigungen des Individuums“ meinte Sigmund Freud. Das trifft auf jeden Menschen zu. Und wir sehen es in unserer Arbeit in der Sexualberatungsstelle jeden Tag als individuelle Not, Verwirrung, Unsicherheit, Unvermögen, Missbrauch bis hin zur krankhaften Störung.
Auch der Ödipuskomplex ist universell und eine Strukturformel der Sexualität. Die Urszenenphantasie bleibt im Unbewussten erhalten. Jeder Mensch wird von einem Elternpaar gezeugt. In diesem Dreieck Frau, Mann und Kind gestaltet sich die Sexualität aus. Immer wird ein Dritter ausgeschlossen und im übertragenen Sinn beseitigt. Das sorgt für die Entstehung des Konflikthaften und auch eines gewissen Schuldgefühls, das der Sexualität anhaftet und sich einer simplen „Befreiung“ entzieht.
Freud sagte auch: „Manchmal glaubt man zu erkennen, es sei nicht allein der Druck der Kultur, sondern etwas am Wesen der Funktion selbst versage uns die volle Befriedigung“
Er spricht in diesem Zusammenhang auch von der Zweigeschlechtlichkeit des Menschen. Sie ist in unserem Unbewussten gleichzeitig verankert und außer Kraft gesetzt.
Das Unbewusste ist maßlos und es ist widersprüchlich.
Beide Geschlechter wollen alles. Männer wollen weibliche Anteile. Frauen wollen männliche Anteile. Der Wunsch nach dem Aufheben dieser Gegensätze ist eine Grundlage unseres Begehrens. Wir wollen alles haben. Wir wollen alles sein.
Aber Gegensätzliches ist unvereinbar. Vollkommenheit ist nicht zu haben. Wir können nicht gleichzeitig festhalten und loslassen. Wir können nicht gleichzeitig aufnehmen und eindringen. Wir können nicht gleichzeitig verschmelzen und uns abgrenzen.
Diese Widersprüchlichkeit lässt uns begehren aber dennoch nie wirklich satt fühlen.
Sexuelle Befreiung bleibt also weiterhin eine unerlöste Möglichkeit des Menschen.
Dennoch soll sie eine angestrebte Utopie bleiben.
Die sexuelle Frage kann nicht von der sozialen Frage und von besseren Lebensbedingungen für alle getrennt werden. Letztlich stand das Streben nach besseren sexuellen Verhältnissen immer auch für die Frage nach Glück und Lust, nach dem Sinn des Lebens, nach Gleichberechtigung von Mann und Frau und nach dem Verhältnis von Mensch zu Mensch.