CSR: Der Wirtschaftsethik auf der Spur oder wie kauf ich mir eine Uni

Mittwoch, 5. März 2008 @ 10:27

Was es mit CSR auf sich hat und wie es möglich ist, dass sich eine Bank eine Lehrveranstaltung kauft.


Am 4.3.2008 war der erste Termin einer Ringvorlesung, die vom Institut für Philosophie an der Uni Wien unter dem Titel ""Corporate Social Responsibility (CSR)" - Zur ökonomischen, ökologischen und sozialen Verantwortung von Unternehmen" dieses Semesters abgehalten wird. Es handelt sich dabei um eine Kooperation mit der Bank "Erste Bank", die auch bei 6 von 13 Terminen Vortragende aus ihren Reihen stellt. Es steht somit der Verdacht nahe, dass sich ein Unternehmen in eine Lehrveranstaltung der Uni Wien eingekauft hat.

Der erste Termin lief unter dem Titel "Wirtschaft und Ethik. Gegenüberstellung der Grundfragen" und hatte als Vortragende die 3 Veranstalter dieser Lehrveranstaltung:
Rektor O.Univ.Prof.Dr. Georg Winckler, Dekan Univ.Prof.Dr. Peter Kampits (Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaften), Mag. Andreas Treichl/Generaldirektor (Erste Bank).
Der Hörsaal 47 auf der theologischen Fakultät im Hauptgebäude der Uni Wien war völlig überfüllt, die Luft unerträglich und es schon auf allen Bänken kopierte
Protest-Flugblätter mit der Aufschrift "Das ist nicht meine Bank, das ist meine Uni!" zu sehen. Ein wenig verspätet beginnt dann die erste Lobhudelei zwischen den Veranstaltern, wie toll es nicht wäre, einmal so eine Lehrveranstaltung zustande gebracht zu haben und wie sehr sich doch die Uni Wien dafür rühmen könnte, so eine Veranstaltung zu ermöglichen.

Der Vortrag des Rektors war eine etwas müde und zähe Rechtfertigung für die Veranstaltung einer solchen Ringvorlesung. Danach war der Dekan Kampits mit seinem Vortrag an der Reihe, der eine zutiefst polemische Auseinandersetzung mit dem Thema Ethik in der Wirtschaft(sic!) und Wirtschaftsethik(sic!) war, in dem auch seine gewohnt sexistischen Einlagen nicht gefehlt haben. (1)


Dann war der Generaldirektor der ersten Bank an der Reihe, der eine aggressive Kampfrede in bester NLP-Rethorik gehalten hat. Gleich zu Beginn nahm er das Protestschreiben, das überall im Hörsaal herumlag, und ging auf die Schreiber dieses Blattes in einer wenig sachlichen Art und Weise ein. Dabei hat er nichts, was auf diesem Zettel angeführt war verneint, sondern vielmehr in einer an Stammtisch oder Fußballplatz erinnernden Sprache seine wahren Intentionen dargelegt.
Oft wurde in seinem Vortrag betont, dass sein Handeln gar nichts mit Ethik zu tun hat und ganz sicher nur mit Gewinnoptimierung. Dazwischen kam aber immer wieder sein Plädoyer für ein ethisches Handeln und die Bekundung, wie ethisch die erste Bank nicht in Vergangenheit und Gegenwart gehandelt hat und immer noch handelt.
So wurde z.B. die erste Bank als wohltätiges Unternehmen dargestellt, weil sie "armen Leuten" ermöglicht hat auch in die Dienste einer Bank zu kommen. Davon dass das aber durchaus zur originären Logik des Kapitalismus gehört, war keine Rede. So hatte mensch den Eindruck dieser Herr will uns erklären, dass Änderungen im Kapitalismus, die die Reproduktion der Arbeitskräfte sichern sollten, eine Leistung einer wie auch immer gearteten Ethik der Wirtschaftsunternehmen ist.

Die letzte halbe Stunde war einer offenen Diskussion gewidmet, die aber dann doch so offen auch nicht sein durfte. So haben sich gleich zu Beginn einige Student_innen zu Wort gemeldet um ihren Unmut gegenüber dieser Lehrveranstaltung kundzutun. Auf die Frage, wieviel denn nun die Uni Wien von der ersten Bank erhält folgte ein heftiger Schlagabtausch. Der Generaldirektor der Ersten Bank attackierte einen Studenten, der seine Kritik schriftlich vorformuliert hatte und diese dann von seiner Unterlage ablas. Frei nach dem Motto, er hätte doch kein Recht sich kritisch zu äußern, wenn er seine Kritik ablesen muss. Was wäre bloss hätte er gestottert, wäre ihm dann auch das Recht zur Kritik versagt? Wenig später gab es sogar eine Klageandrohung von Seiten des Generaldirektors an besagten kritischen Studenten.

Auch versuchte der Generaldirektor im Anschluss schon im Vorhinein Fragen abzuwehren: "Nein, den nehmen wir nicht dran, der schaut schon so böse!", "Nein, der war schon dran!", usw...
Auf eine inhaltliche Frage, die endlich mal auch einen kapitalismuskritikschen bzw. marxisitischen Ansatz hatte, konnte er nur antworten "diese Frage übersteigt den Intellekt eines Bankangestellten". Da stellt sich doch die Frage, was Leute, die überhaupt keinen wissenschaftlichen Anspruch vorweisen können, in der Lehre an einer Uni zu suchen haben. Die erste Einheit dieser LV war somit eine Verbreitung ideologisch bedenklicher, weil neoliberaler Sichtweisen auf einem zutiefst populistischen Niveau. Kurz, es ging um die Propagierung von Inhalten und die Imagepolitur eines großen Unternehmens.

Und nicht zuletzt - Beschaffung von Drittmitteln:
Auf die nochmalige Frage nach dem Geld, das die Uni Wien von der Ersten Bank erhält antwortete unser Rektor erstmal "Null Cent", ergänzte dann aber witzigerweise: "...und wenn sie Geld bekommt, dann fliesst das ins Karriereservice der Uni Wien und kommt Ihnen [den Studierenden, Anm. d.V.] zugute."
Im weiteren Verlauf hat er es dann sogar noch eindrücklicher bestätigt, dass es sich hier sehr wohl um eine Drittmittelbeschaffung handelt.
Aber im Unterschied zur "normalen" Drittmittelbeschaffung ist diese noch um einiges pikanter, denn, wie eingangs erwähnt, werden die Inhalte von der ersten Bank bestimmt. Sucht mensch diese Vorlesung im Vorlesungsverzeichnis der Uni Wien, wird mensch auch noch weiter zur Uniport-Seite verlinkt, auf der noch 3 Förderungen für Diplomarbeiten zum Thema CSR angeboten werden. D.h. setzt sich die Student_in mit den Themen, die für die Erste Bank relevant sind auseinander, bekommt sie 500€.
Im Artikel 17 der österreichischen Verfassung steht immer noch "Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei.", doch von Freiheit ist hier wohl kaum mehr zu sprechen, wenn sich ein Wirtschaftsunternehmen so in die Lehre einkauft und ihre Inhalte dermaßen (mit)bestimmt.

Der KSV-LiLi stellt sich gegen solche Vorgehensweisen! Wie eine freiere Lehre der Wissenschaft (mit wissenschaftlichen und progressiven Inhalten) möglich ist, sieht mensch an der dieses Semester auf der Politikwissenschaft abgehaltenen Ringvorlesung, die der KSV-LiLi gemeinsam mit transform.at! ins Leben gerufen hat.
Dieses Modell setzt direkt auf Mitbestimmung der Studierenden, ein kritisches Referat ist ausdrücklich erwünscht und für umfassende freie Diskussionen ist explizit Raum. Zusätzlich wird durch die Struktur der Ringvorlesung, die zu jedem Thema zumindest zwei Referent_innen vorsieht, eine einseitige Darstellung vermieden und damit der Raum für die Pluralität der verschiedenen Ansätze geboten, der für eine fortschrittliche und kritische Wissenschaftspraxis unabdingbar ist.
Diese Ringvorlesung "Kritische Ansätze zu Politik und Ökonomie im globalisierten Kapitalismus" ist anrechenbar für Student_innen der Politikwissenschaft und als freies Wahlfach für alle anderen.


PS: An Absurdität war das ganze Spektakel nicht mehr zu überbieten, als sich der Generaldirektor und der Rektor öffentlich darüber gestritten haben, wer nun reicher ist und mehr Aktien der ersten Bank besitzt...aber das nur am Rande.

(1): Es wurde eine Scheler-Anekdote zum Besten gegeben, die ausgehend von der "Vorliebe Max Schelers zum weiblichen Geschlecht", und nicht zuletzt zu seinen Studentinnen, seine Rechtfertigung gegenüber eines Vorwurfs von seinen einer seiner Studentinnen ("Kennen Sie einen Wegweiser, der selber in die Richtung geht, die er anzeigt?") zum Inhalt hat. Damit ist erstens Scheler wieder gesichert als der "coole" Mann und Philosoph dargestellt und zweitens wird durch die pointenhafte Darbietung dieser Geschichte genau dieses Moment weitergetragen und bestärkt. Es führt zur Belustigung des Publikums und die Überschreitung der eigenen ethischen Grundwerte ist nicht mehr der Rede wert.

0 Kommentar(e)



http://votacomunista.at/news/article.php/20080305102711614