Im Rahmen eines Wien-Besuchs äußerte der Nobelpreisträger Eric Kandel seinen Unmut über die Benennung des Ringteils, an dem die Universität liegt, nach Karl Lueger. Für Kandel ist Lueger "ein Gründer des modernen Wiener Antisemitismus und Lehrer Hitlers"[1].
Eric Kandel wurde 1929 in Wien geboren und musste 1939 aufgrund seiner jüdischen Herkunft in die USA emigrieren. Seine Forderung ist in zweierlei Hinsicht zu unterstützen:
Einerseits würde durch die Umbenennung klar aufgezeigt, dass der Antisemitismus nicht erst 1938 mit den Nazis einmarschiert ist und damit endlich eine Aufarbeitung notwendig gemacht, die Austrofaschismus, Zwischenkriegszeit und die Entstehung des modernen Antisemitismus in Österreich einschließt.
Andererseits ist es nun wirklich eine Schande dass die Universität eine solche Adresse im Briefkopf führen muss, ist doch die bloße Verknüpfung des Namens Lueger mit der Universität Wien ein Affront gegen das Selbstverständnis dieser. [2]
Ein dritter Aspekt ist die Beförderung eines langjährigen feministischen Anliegens. Als neuer Name wurde immer wieder "Dr.in-Elise-Richter-Ring" gefordert.
"Mit ihr würde eine großartige Wissenschafterin und Vorreiterin im Kampf um die Gleichstellung der
Frauen an der Universität und in der Gesellschaft gewürdigt" heißt es dazu in einer Aussendung der ÖH Uni Wien. [3]
Karl Lueger: Mit antisemitischen Hetzkampagnen zum politischen Erfolg[4]
Lueger (1844-1910) studierte Rechtswissenschaften, war Mitglied im 'Cartell Verband', begründete 1893 die christlich-soziale Partei und schließlich von 1897-1910 Bürgermeister von Wien.
Sein politischer Erfolg hat viele Nuancen: Einerseits war er ein Demagoge, der antisemitische Hetze gezielt für seinen persönlichen Aufstieg benützte. Vor allem gelang es ihm, den niederen Klerus und das Bürgertum hinter sich zu versammeln.
Im Zuge des wirtschaftlichen Liberalismus und der kapitalistischen Entwicklung waren große Teile des Bürgertums von sozialem Abstieg betroffen. Genau diese verarmenden Handwerkstreibenden sprach seine Agitation gegen die Juden an.
In einer bis heute durchgängigen antisemitischen Argumentation [5] setzte er Jüdinnen und Juden mit dem Großkapital gleich und verwendete verschwörungstheoretische Figuren wie die imaginierte Vorherrschaft der Juden. In einer Rede heißt es so beispielsweise:
"Der Einfluß auf die Massen ist bei uns in den Händen der Juden, der größte Teil der Presse ist in ihren Händen, der weitaus größte Teil des Kapitals und speziell des Großkapitals ist in Judenhänden und die Juden üben hier einen Terrorismus aus, wie er ärger nicht gedacht werden kann."[6]
Deutlich muss aber auch darauf hingewiesen werden, dass Luegers Christlich-Soziale Partei ihre Wahlerfolge unter einem Zensuswahlrecht erzielen konnte, das Frauen allgemein und insbesondere Arbeiter ausgeschlossen hat. Mit der Einführung des allgemeinen Männerwahlrechts 1907 und schließlich dem allgemeinen Wahlrecht 1919 wurde Wien bald zu einer Hochburg der ArbeiterInnenbewegung und der sozialdemokratischen Partei.
Der 'Kult' um die Person Lueger und die Rechtfertigung für seine Würdigung dreht sich bis heute um die Errungenschaften wie der Bau der Hochquellenwasserleitung und von Straßenbahnen. Notwendige Modernisierungsschritte einer anwachsenden Weltstadt werden nach gängiger Masche einer nahezu diktatorisch agierenden und als Führerpersönlichkeit konstruierten Einzelperson zugesprochen. Die Großprojekte tatsächlich erbaut haben selbstverständlicherweise ArbeiterInnen...[7]
Elise Richter: Vorreiterin, Wissenschafterin, Opfer der Shoah
In dem in g e z e i t "geräumt" – Zeitung der FV Gewi 06/2006 erschienen Artikel Den Ring zurückerobern!" heißt es über Elise Richter und die Frage der Umbenennung:
"Auch heute noch steht also die Uni Wien an einer Straße, die nach einem bekannten Antisemiten benannt ist. Es müsste doch aber gar nicht so sein! Schon Anfang 2003 hatte die ÖH Uni Wien – in Folge eines Politikwissenschaft-Seminars (Vergangenheitspolitik bei Walter Manoschek) – im Senat einen Antrag eingebracht, die Uni Wien möge von der Stadt Wien die Umbenennung des Ring-Abschnitts fordern. Manche können sich vielleicht sogar noch daran erinnern, dass damals auch Unterschriftenlisten für dieses Anliegen kursierten und dass die ÖH Uni Wien versucht hat, diesem Anliegen insgesamt eine möglichst große Öffentlichkeit zu verschaffen ... Allem Anschein nach (Genaues ist heute schwer zu eruieren, Senats-Protokolle sind nicht öffentlich) führte dieser Antrag aber zu keinem Ergebnis!
Dabei war das Konzept eigentlich gut durchdacht: Konkret wurde vorgeschlagen, die Straße in "Dr.in-Elise-Richter-Ring" umzubenennen – der Name der Wissenschafterin jüdischer Herkunft sollte quasi die Antithese zum Namen des christlichen Antisemiten sein. Dr.in Elise Richter war eine der ersten Frauen, die in Wien Geisteswissenschaften studierten. Sie war renommierte und anerkannte Romanistin und erhielt in diesem Fachbereich auch als erste Frau eine Lehrbefugnis, sowie (später) den Titel Ao. Prof.in. Sie lehrte zwanzig Jahre unbezahlt, bis ein Lehrauftrag erstmals die Bezahlung ihrer Lehrtätigkeit ermöglichte. Ihrer jüdischen Herkunft wegen wurde sie vom NS-Regime sofort nach dem "Anschluss" von der Universität vertrieben. Weil sie sich weigerte, Wien zu verlassen (trotz vorhandener Unterstützungs-Angebote) wurde sie schließlich im Oktober 1942 – gemeinsam mit ihrer Schwester, ebenfalls Wissenschafterin – in das Lager Theresienstadt deportiert, wo sie nicht einmal ein Jahr später an den Folgen der unmenschlichen NS-Politik starb.
Es verwundert schon ein wenig: An und für sich ist ja Elise Richter (mittlerweile) eine der bekannteren Wissenschafterinnen unter denjenigen mit einer solchen oder ähnlichen Biographie. An der Uni Wien ist ein Hörsaal/Veranstaltungssaal nach ihr benannt, es gibt ein "Karriere-Entwicklungsprogramm für Frauen", das ihren Namen benutzt und seit kurzem auch eine "Plattform Elise Richter", die sich für die Aufstellung weiblicher Büsten im Arkadenhof und für die bessere Repräsentanz von Frauen im Wissenschaftsbetrieb überhaupt einsetzt. Trotzdem ist es offenbar nach wie vor unmöglich, den Ring-Abschnitt, an dem die Uni Wien liegt, nach ihr zu benennen. Daran zeigt sich wieder einmal, wie unwahr und geheuchelt die ständigen Lippenbekenntnisse der "ManagerInnen" der Uni Wien sind: Die Bekenntnisse zur Frauenförderung und Stärkung der Position von Frauen, die Bekenntnisse gegen Faschismus und Diktaturen und für Pluralität und Meinungsfreiheit genauso wie die Bekenntnisse zur wissenschaftlichen Selbstreflexion!"
Dem ist nichts hinzuzufügen, außer dass die Thematik 2007 im Zuge der gesteigerten medialen Aufmerksamkeit[8] während den ÖH Wahlen vom KSV-LiLi aufgegriffen wurde und die Umbenennung des Rings sowie die Präsenz von Frauen in der Universität zugleich aktionistisch "durchgesetzt" wurden. Die Aktion wurde unter Umbenennung des Karl Lueger Rings dokumentiert.
Österreichischen Normalität reloaded?
Nachdem mit der Forderung des Nobelpreisträgers Eric Kandel ein kurzes Aufflammen öffentlichen Interesses vorhanden ist, stellt sich die Frage: Was spricht noch gegen Taten, in einem Moment, indem der Antisemitismus Karl Luegers unbestreitbar öffentlich thematisiert ist?
Eric Kandel hat seine Forderung bereits 2006 in einem Interview mit der Wochenzeitung "Falter" geäußert. Auf den Lueger-Ring angesprochen wird er sehr deutlich:
"Ich halte das für völlig unbegreiflich. Das ist eine absolute Schande, und wir sollten etwas unternehmen, um das zu ändern!"[9]
Reaktionen darauf sind seitens der Stadt, der regierenden SPÖ sowie der ÖVP als Nachfolgepartei der Christlich-Sozialen ausgeblieben. Offiziell distanziert sich letztere von den Christlich-Sozialen "durch das Bekenntnis zur parlamentarischen Demokratie und zur österreichischen Nation". [10]
Die Jugendorganisation derselben Partei hat hier offensichtlich Schwierigkeiten: So werden heute noch Kränze am Grab von Lueger niedergelegt. [11]
Pikant ist hierbei, dass die Ringbenennung nach Lueger in die Zeit des Austrofaschismus und Engelbert Dollfuss' fällt, dessen Portrait wiederum bis heute den Parlamentsklub der ÖVP ziert.
Auch die Universität selbst zeigt sich nicht geneigt ihrem Leitbild folgend am gesellschaftlichen Dialog über ihre jetzige - und hoffentlich bald ehemalige - Adresse zu beteiligen. Völlig unklar, sollten doch die ManagerInnen der neuen betriebswirtschaftlich geführten Universitäten als erstes an die möglichen entstehenden Kosten einer Adressänderung denken und die Übernahme dieser durch die Stadt Wien fordern.
Das ist nicht wirklich überraschend. Auch in der Frage der wöchentlich stattfindenden Aufmärsche von deutschnationalen Burschenschaften auf der Uni-Rampe sowie in der Debatte um den "Siegfriedskopf" agiert die Universität zurückhaltend. Kritik erntete Rektor Georg Winckler von der ÖH Uni Wien für seine Äußerung zur Wiederaufstellung der antisemitischen Siegriedskopf-Denkmals 2006:
"Ich gehe davon aus, dass alle akzeptieren, dass wir im 21.
Jahrhundert angekommen sind" ließ sich Rektor Winckler in der
Presseaussendung zur Enthüllung des "Siegfriedskopf Neu" zitieren.
Eine Aussage, die sich explizit an alle richtet, das heißt auch an
die, welche jahrelang das Symbol rechtsextremen Denkens an der
Universität bekämpften. Das Zitat lässt auch gar nicht so versteckt
den Wunsch anklingen, es ‚gut sein’ zu lassen, einen Schlussstrich zu
ziehen und vom Rechtsextremismus an der Universität (...) in Zukunft zu schweigen, schließlich seien solche Konflikte nur dem Image der Universität schädlich.
[12]
Diese Herangehensweise mitgedacht, wird das Schweigen der Universität nachvollziehbar, aber nicht entschuldbar.
Dass es aber auch erfreuliche Beispiele gibt, zeigt die Umbenennung der Ichmanngasse in Simon-Wiesenthal-Gasse im 2. Wiener Gemeindebezirk, der Leopoldstadt. In einem gemeinsamen Antrag im Bezirksrat forderten SPÖ, Grüne, ÖVP und KPÖ auf Initiative der Israelitischen Kultusgemeinde Wien die Umbenennung. [13]
Das Anliegen von Dr. Eric Kandel, feministischer Initiativen, der ÖH Uni Wien, den linken Fraktionen in der Universitätsvertretung (GRAS, VSSTÖ, KSV-Linke Liste) sowie dem liberalen LSF scheint hingegen unter dem Motto 'Nicht einmal ignorieren' behandelt zu werden.
Eine Schande!
[2]: Leitbild der Universität Wien:
"Die Geschichte der Universität Wien ist geprägt durch eindrucksvolle Leistungen (...) aber auch durch Krisen und Fehlentwicklungen, so vor allem durch die Verstrickung der Universität und ihrer Angehörigen in die Verbrechen des Nationalsozialismus.
Die Universität Wien (...) verpflichtet sich, das Verhältnis von Politik, Macht und Wissenschaft kritisch und selbstkritisch zu reflektieren, die demokratischen Prinzipien nach innen und nach außen zu vertreten, die Menschen- und Bürgerrechte weiterzuentwickeln und für ihre Verwirklichung einzutreten, nationale, religiöse und kulturelle Barrieren abzubauen und für die Verständigung von Kulturen, Völkern und Religionen einzutreten."
(...)
"Die Universität Wien ist Teil der Gesellschaft, muss zu Problemen der Gesellschaft Stellung nehmen und sich am gesellschaftlichen Dialog beteiligen. Sie ist gegenüber der Gesellschaft und ihren Institutionen autonom, versteht sich aber als Mitgestalterin der Politik. " (Herv. F.B)
[5] Beispielsweise wurde Im Zuge der Berichterstattung über rechte EU-Kritik die Zeitung "Der Standard" als "Judenblattl" tituliert.
http://derstandard.at/?url=/?id=3291503
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