„Ich hab‘ die Krise…“ Soziale Auswirkungen der Krise in Europa

Es ist kein Ende der Krise in Sicht, in Europa findet ein strategisches Abrechnen mit Wohlfahrts- und Sozialstaat und den Gewerkschaften statt, Folge sind dramatische soziale Entwicklungen.
Von den Auswirkungen der Krise sind Frauen*, Migrant*innen, junge Menschen und Ältere besonders stark betroffen. Die autoritären Krisenbewältigungsstrategien treffen die ohnehin schon benachteiligten oder mehrfach diskriminierten Bevölkerungsgruppen und Menschen, die einem hohen Armutsrisiko ausgesetzt sind, besonders hart. Die staatlichen „Sparmaßnahmen“ tasten im Allgemeinen nicht Vermögen und Profite an, sondern bedeuten Streichungen und Kürzungen von Sozialleistungen, Arbeitslosengeld, Pensionen und Kürzungen von Stellen und Gehältern im öffentlichen Dienst und Schließungen von Sozial- und Gesundheitseinrichtungen. Nur um Beispiele zu nennen: In Griechenland wurden als erstes Frauenhäuser und Einrichtungen für psychische Gesundheit und Drogenprävention geschlossen. In Frankreich wurden bereits Vorschulklassen, Kinderbetreuungseinrichtungen sowie Zentren für Schwangerschaftsabbrüche geschlossen. Infolge von Pensionierung frei werdende Stellen im öffentlichen Dienst werden nicht wieder neu besetzt. Angestellte im öffentlichen Dienst in Rumänien, Portugal und Griechenland sind Gehaltskürzungen von 25 Prozent ausgesetzt, griechische Lehrer*innen und Professor*innen sogar bis zu 50 Prozent. Kaum jemand von den jungen Menschen hat eine Aussicht auf ein existenzsicherndes Einkommen, immer mehr sind auf karitative Einrichtungen, Solidaritätsnetzwerke und familiäre Unterstützung angewiesen. Ärzte ohne Grenzen, und Solidaritätsinitiativen der Bevölkerung sind es, die in Griechenland den Zusammenbruch von staatlichen Asyl- und Flüchtlingsinstitutionen abfangen, aber auch die generelle ungenügende Versorgung mit Medikamenten und Lebensmitteln. Die Zahl der Selbstmorde nimmt zu, in Irland gab es seit 2008 13, in Griechenland und Lettland je 17 Prozent mehr Selbstmorde. Die Austeritätspolitiken bringen Anhebungen von Massensteuern und weitere Privatisierungen öffentlicher Güter.

Arbeitsverhältnisse verschlechtern sich

Zur Auswirkung der Krise auf die Beschäftigungssituation lässt sich sagen, dass die erste Phase der europäischen Finanzkrise zuerst vorallem männlich dominierte Wirtschaftssektoren betraf: Automobilindustrie, Bauwesen, Industrieproduktion und Transportwesen. Hier wurden die Arbeiter reihenweise zu Kurzarbeit verpflichtet. Frauen sind in informellen, unsicheren und niedrig bezahlten Arbeitsverhältnissen überrepräsentiert.Was also für Frauen, Migrant*innen und Jugendliche schon seit Jahrzehnten Realität ist: befristete und Teilzeitarbeit und unsichere und prekäre Arbeitsverhältnisse ist nun dabei, für die gesamte Gesellschaft Normalität zu werden. Dies wird begleitet von einer Aufweichung und Abschaffung von Arbeitsrechten (Kündigungsschutz, Aushebelung der Kollektivverträge oder kollektivvertragsähnlicher Lohnvereinbarungen).
Auf die erste Krisenphase, in welcher auch die Arbeitslosigkeit unter Männern besonders massiv zunahm, folgte eine zweite, in der die von Frauen dominierten Wirtschaftszweige, wie der öffentliche Sektor sowie das Gesundheits- und Bildungswesen, besonders stark betroffen waren. Die Finanzkrise der Banken wurde umgewandelt in eine öffentliche Schuldenkrise. Banken werden von Staaten gerettet und diese nehmen um das zu finanzieren Ausgabenkürzungen vor: im öffentlichen Dienst, im Gesundheits- und Bildungsbereich.
Die Arbeitslosenquoten sind in den südeuropäischen Ländern, unter der Sparmaßnahmen-Aufsicht durch die „Troika“ von Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und des Weltwährungfonds auf über 25% gestiegen und steigen weiter, die Jugendarbeitslosigkeit ist doppelt so hoch.
Die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich: Druck und Stress am Arbeitsplatz nehmen zu. Zu einer solch steigenden Belastung kommt hinzu dass Frauen, die sowieso traditionell eine Mehrfachbelastung zu tragen haben, da sie noch immer den Großteil der Reproduktionsarbeit leisten. Nun finden sie sich in der Situation wieder, auch wieder unbezahlt Arbeiten übernehmen zu müssen, aus denen sich der Staat momentan zurückzieht: die Betreuung und Pflege von Kindern, Alten und Kranken.
Pensionskürzungen und die „Reformierung“ der Pensionssysteme treffen auch Frauen härter, der Trend geht zur privaten Vorsorge und weg von der Rücksichtnahme auf biografie-bedingte kürzere Durchrechnungszeiten für Frauen wieder wegen reproduktiver Arbeiten, Schwangerschaften und Teilzeitarbeit.

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