Keine Zahlen, kein Bedarf?

An sich sind die Universitäten wahre Datensammler: Es wird erfasst, wer was wie lange studiert, wie oft das Studium gewechselt, unterbrochen oder abgebrochen wird und ob auch ja niemand zu lange braucht. Da diese Statistiken vor allem als politisches Druckmittel funktionieren, ist es zunächst wenig überraschend, dass eine Erhebung von der Universität Wien eher umgangen wird: Die der Studierenden mit Behinderung. Hier beruft man sich plötzlich auf den Datenschutz und den Schutz vor Diskriminierung. Dass es aber tatsächlich um mehr geht, als Bequemlichkeit und paternalistisch anmutenden Bemühungen um die Privatsphäre, zeigt sich ironischerweise ausgerechnet in den tatsächlich vorliegenden Zahlen aus der Erhebung der Universität Wien von Studierenden mit Behinderung oder Krankheit aus dem Wintersemester 2012/2013. Spricht die Studierenden-Sozialerhebung 2011 von rund 12% Studierenden mit Beeinträchtigungen, so haben laut der hauseigenen Untersuchung lediglich 0,5% der Studierenden eine Behinderung. Die Erklärung für diese absurd niedrige Zahl liefert die Statistik per Fußnote gleich mit: Ein Grund von den Studiengebühren ausgenommen zu werden, ist ein Behindertenausweis über 50% oder ein ärztliches Attest, der bescheinigt, dass man aufgrund einer Krankheit oder Beeinträchtigung am Studieren schwer gehindert wird. Dass diese Zahlen somit wohl nicht die Realität widerspiegeln scheint klar. Abgesehen von Studierenden, die gar nicht erst um die Möglichkeit wissen, sich befreien zu lassen, scheinen Studierende, die sich innerhalb der Regelstudienzeit befinden, gar nicht erst auf.

Diese Statistik, die diese Bezeichnung somit eigentlich gar nicht verdient, ist nicht einfach fehlenden Möglichkeiten zur akkuraten (und anonymen) Erhebung geschuldet, die ja sonst stets bei der Hand sind. Viel wahrscheinlicher ist es, dass es der Universität ganz recht ist, wenn die Zahlen nicht einmal die 1%-Marke überschreiten. Dafür spricht auch, dass psychische Erkrankungen gar nicht erst explizit erfasst werden, was die Zahl noch einmal gehörig drückt. Denn wo keine Behinderungen sichtbar werden, gibt es auch keinen Bedarf, auch nur irgendetwas für Studierende mit Behinderung zu tun. Und das müsste man eindeutig: Dass es an der größten Universität in Österreich mit über 94.000 Studierenden nicht mal eine Vollzeitstelle für den/die Behindertenbeauftrage/n gibt, ist nur eines der offensichtlicheren Probleme. Diese reichen von unzugänglichen Unterrichtsmaterialien, unkooperativen Lehrenden, fehlenden Betreuungsmöglichkeiten, bis hin zu einer regelrecht institutionalisierten Ignoranz im Umgang mit beeinträchtigten Studierenden. Selbst der Umbau der Gebäude und Räumlichkeiten – wohl die offensichtlichste Initiative für Barrierefreiheit – ging und geht weiterhin schleppend voran. Dabei hat an dieser Stelle die Regierung eigentlich sogar ausnahmsweise vorgelegt: Das „Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz“ (BGStG) schreibt unter anderem vor, dass alle öffentlichen Gebäude – mit Ablauffrist Anfang 2016-  barrierefrei erreichbar sein müssen. Die Gründe für diese Zögerlichkeit im Abbau der Barrieren und die Tendenz zur Unsichtbarmachung behinderter Studierender sind vielseitig und eben nicht nur finanzieller Natur.

Selbst wenn die Universität weder Kosten noch Mühen scheuen würde, bauliche und institutionelle Barrierefreiheit herzustellen oder zumindest zu erweitern und somit der Alltag der Studierenden mit Beeinträchtigungen erleichtert werden würde, träte trotzdem keine unmittelbare fundamentale Verbesserung ein. Das ist kein Argument gegen diese Initiativen, sondern eine mögliche Erklärung für den fragwürdigen Umgang mit ihnen.  Anders gesagt: Wird das Licht erst einmal auf die Auswüchse von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geworfen, treten ihre Grundlagen offen Zutage.
Ein Beispiel:
Eine Beurlaubung für Studierende mit psychischen oder körperlichen Erkrankungen, die mehr als vier Wochen aufgrund dieser am Studieren erheblich behindert werden, klingt zunächst nach einer unterstützenden Maßnahme, und vielleicht war sie auch als solche intendiert. Auf den zweiten Blick tun sich aber massive Schwierigkeiten auf: Beurlaubte Studierende erhalten kein Semesterticket der Wiener Linien, können normalerweise keine Familienbeihilfe beziehen und eine Mitversicherung bei Angehörigen oder studentische Selbstversicherung ist nicht möglich. Ein perfider Witz: Der Weg zur (angeblichen) Barrierefreiheit ist durch soziale Barrieren versperrt.

Dieses Phänomen ist natürlich weder ein Einzelfall, noch auf die Universität beschränkt. Selbst vor dem Antrag eines Behindertenausweises wird – von dem Referat für Barrierefreiheit der ÖH Uni Wien (!) – zu einer kritischen Abwägung geraten, da dieser auch negative Konsequenzen mit sich bringen kann.
Hier zeigt sich die doppelte Perversion der Verhältnisse: Einerseits werden Personen in ihrem Alltag  –und im Kontext der Universität insbesondere in ihren Bildungsmöglichkeiten– behindert. Und doch findet eine Umwertung statt, die die Betroffenen plötzlich problematisiert und das Wegschaffen von Barrieren, das in diesem Kontext eigentlich selbstverständlich sein sollte, wird als Zugeständnis dargestellt. Andererseits ist selbst dieses Pseudo-Entgegenkommen zumeist mit solchen Hindernissen und sozialen Abstrafungen belastet, dass es nicht einmal mehr als solches angenommen werden kann.

Die Gründe für die Stigmatisierung von Behinderungen und die Mitverschuldung der Gesellschaft an körperlichen und vor allem auch psychischen Erkrankungen gehen Hand in Hand. Die Tatsache, dass die Universität diese Zustände nicht nur mitträgt, sondern durch erhöhten Leistungsdruck, sowie Mangel an Verständnis und Unterstützung  auch noch aktiv verstärkt, ist abstoßend genug. Dass sie, anstatt das Phänomen strukturell anzugehen oder wenigstens eine umfassende Betreuung zur Verfügung zu stellen, die Verantwortung für behinderte Studierende auf ein ÖH Referat sowie andere gesellschaftliche Institutionen und somit schlussendlich die Betroffenen selbst abwälzt, ist unerträglich.

Dieser Text soll kein Plädoyer für noch mehr Quantifizierung und erzwungene Transparenz sein. Die fehlenden und verfälschten Zahlen zu Studierenden mit Beeinträchtigungen sind nicht die Ursache des Problems, sondern zeigen durch ihr Scheindasein dessen Ausmaße auf. Mündigkeit bedeutet auch, sich aussuchen zu können, wann und in welcher Form man sichtbar sein möchte. An diese Voraussetzung ist die Möglichkeit, die passende Unterstützung in Anspruch zu nehmen, geknüpft. Passend heißt: Jederzeit, ohne negative Konsequenzen, bürokratischen Umwegen und gesellschaftlicher Abstrafung. Ohne diese radikale Barrierefreiheit auf allen Ebenen bleiben auch vermeintlich gut gemeinte Bemühungen allenfalls Scheinhandlungen.

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