Die Universität im Neoliberalismus und die Utopie der Bildung

Die Universität wie wir sie heute kennen

Schon lange hat die Universität ihren einstigen Charakter von Elitedünkel verloren. Wenn in einem Land mit fast 9 Millionen Einwohner_innen fast 400.000 Menschen an Universitäten inskribiert sind, ist das längst nicht mehr nur die Elite der hier das nötige Herrschaftswissen beigebracht wird um die bürgerliche Gesellschaft und ihre ökonomischen Zwänge zu verwalten, sondern eine menschliche Ressource im globalen Standortwettbewerb.

Entwickelt hat sich die gegenwärtige Universität aus der Krise des Fordismus. Zweifel, dass die Produktion in der Fabrik weiterhin das Kapital in ausreichendem Maße vermehren würde, waren dafür bestimmend. Während die Industrie im Sturm der Globalisierung aus den ‚westlichen Zentren‘ immer mehr in die Peripherie wandert, bedingt der Anstieg der Produktivkräfte zumindest ebenso bedeutsame Umwälzungen: Angesichts der sinkenden Profitrate und den damit einhergehenden ökonomischen Krisen wird im Spätkapitalismus die Rettung in neuen Technologien gesucht, die wiederum die Form der Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft schleichend verlagert.

In den 1970er Jahren begann die österreichische Sozialdemokratie unter Bruno Kreisky in der Akkumulation von Wissen eine Möglichkeit zu sehen, eben jene Krise zu überstehen und öffnete die Universitäten. Die Einführung diverser Sozialleistungen wurde verbunden mit einer Demokratisierung der Universität: Der Ordiniarienuniversität, in welcher – fast ausschließlich männliche – Professoren eine unhinterfragte Vormachtstellung innehatten, wurde ein bürgerlich-demokratisches Antlitz aufgesetzt. In diesem Rahmen hatten Studierende einen gewissen Einfluss auf die Curricula, Personalpolitik und das universitäre Leben. In Folge der Verschiebungen in der sozialen Zusammensetzung der Studierenden verlagerte sich auch der Handlungsspielraum der Linken an der Universität, es entstanden zumindest Möglichkeiten der radikalen politischen Bildung im studentischen Milieu.

Willkommen in der Produktion: Studierende als Wissens- und Arbeitskraftbehälter

Die fordistische Ordnung mit ihrer industriellen Produktion löste sich im Neoliberalismus zunehmend auf. Im Zuge dieser Umwälzung haben sowohl die Institution Universität, als auch die Studierenden mehrere Umbrüche erlebt. Die sozialdemokratischen Reformen gestalteten sich als bloßes Intermezzo; in der neoliberalen Universität stehen nicht nur das Prinzip „Bildung zur Selbsterkenntnis“ zur Disposition, sondern auch demokratische Strukturen. Nischen, in denen die eigene Stellung in der Welt hinterfragt werden konnte, schrumpfen aufgrund ihrer Nicht-Verwertbarkeit im neoliberalen Kapitalismus. Mit dem Bologna-Prozess hat diese neue Universität ihre erbärmliche Form erhalten: Begleitet von den neuen Glaubenssätzen der Effizienz, Exzellenz und Konkurrenz wandelte sich der Charakter der Studierenden vom Einzelnen zum Produkt. Dabei hat sich auch der Begriff der Exzellenz selbst gewandelt. Jede Spur von Erkenntnis, die einmal an diesen geknüpft war, wird nun endgültig beseitigt von einem Verständnis der Exzellenz als „die Besten unter den Angepassten“ (Stapelfeldt) – erhältlich in den Qualitätskategorien „Bachelor“, „Master“ oder „PhD“.

Im permanenten Bemühen um Anerkennung und Buhlen um positive Bewertungen – ergänzt durch Nebentätigkeiten wie der Besuch diverser Konferenzen und das freudige absolvieren einer Unmenge von Praktika – wird in so mancher wissenschaftlichen Disziplin der Arbeitsethos des Neoliberalismus vollzogen. Es reicht nämlich nicht mehr, Arbeit einfach nur zu verrichten. Heutzutage muss das Subjekt in ihr aufgehen, sich mit ihr identifizieren und sie letztlich als den eigentlichen Lebenszweck sehen. Schließlich liegt das Geld nicht auf der Straße, sondern in der persönlichen Transformation zum Ein-Personen-Unternehmen. Dieses neue Glücksversprechen des Neoliberalismus hat jenes des Fordismus abgelöst, welches das Glück noch im Konsum verortete. So falsch dieses auch war – es verlangte zumindest nicht von Einzelnen das komplette Aufgehen in der Verwertung. Die Profitrate sinkt, daher muss der Markt wachsen. Die fixe Stundenzahl und Regelarbeitszeit ist unter prekären Verhältnissen obsolet: Um permanent konkurrenzfähig und nützlich zu sein, müssen sich die Einzelnen gänzlich der Selbstvermarktung widmen. So wie das Kapital und der Staat zunehmend ineinanderfließen, verschwindet die Trennung von öffentlicher und privater Sphäre, also beruflicher Existenz und Privatleben.

Die bestehende materielle Ungleichheit wird durch die Ideologie der Selbstvermarktung weiter verschleiert. Schließlich ist nur noch der Wettbewerb um die größtmögliche Anpassung Gradmesser für den gesellschaftlichen Erfolg. Durch den Verlust eines fixen Zeitrahmens in der Projektarbeit und damit der Mess- und Vergleichbarkeit der Arbeitsleistung, geht verloren, was in der bürgerlichen Gleichheit noch zu enttarnen war. Das Elend der Identifikation mit der Arbeit mag vor allem bei den prekär lebenden Studierenden auftreten, ist aber nicht auf diese beschränkt. Auch die vermeintlich Erfolgreichen in diesem Milieu können diesem Problem nicht entkommen, auch wenn sich die totale Anpassung mit etwas mehr Geld in der Tasche leichter ertragen lässt.

Nicht das Bestehende zu verherrlichen und einen wohligen Schleier um die Verhältnisse legen, sondern beständig Kritik zu üben und “die Schmach noch schmachvoller machen, indem man sie publiziert“ (Situationistische Internationale, Über das Elend im Studentenmilieu) ist die Aufgabe von Kommunist_innen in der heutigen Zeit. Die Elenden müssen ihr Elend erkennen und damit Schluss machen.

Die Utopie der Bildung als Ausweg?

Der Begriff der Bildung kommt aus der Antike und bezieht sich auf die Handlungen des Bildhauers, der das Material unter seinen Händen zu formen, zu bilden vermag. “Bildung ist: höchste theoretische Einsicht in die Welt als Ganze, praktische Verwirklichung des Menschen als eines vernünftigen ‚Vereins freier Menschen‘ – so dass der Mensch sich seiner selbst und seiner Verhältnisse bewußt ist“ (Stapelfeldt). Im klassischen Liberalismus konnte die Utopie – wenn auch in falscher und verzerrter Form – als Programm der Universitäten erkannt werden, weil es tatsächlich noch die Vorstellung gab, man würde für die Menschheit handeln, worunter man den „Wealth of Nations“ (Smith) verstand. Diese Ideale wurden aber ihrem Selbstanspruch unter anderem aufgrund von rassistischen, antisemitischen und sexistischen Kategorisierungen, die einen Großteil der Menschen grundsätzlich ausschlossen, nicht gerecht.

Auch waren die Universitäten immer dem Herrschaftsapparat unterworfen und stellten noch jeder Zeit, die sie finanzierte, die geeignete Ideologie für die Regentschaft zur Verfügung. Somit wäre die Glorifizierung irgendwelcher vergangenen Systeme aus einer kritischen Perspektive absurd. Dennoch wird im Kontrast zum Liberalismus eine wesentliche Problematik der Neoliberalisierung der Bildung besonders deutlich: Wenn der Wettbewerb selbst an den Universitäten als absolut positiv besetztes Ideal Einzug hält, sind sie als Ort des Widerstandes ungeeignet.

 Was tun?: Organisierung von Bildung

Selbstredend müssen auch an einer neoliberalen Universität jene Restbestände verteidigt werden, die es noch geschafft haben der Austreibung der Erkenntnis standzuhalten. Jedoch in dem Wissen, dass im Neoliberalismus die Universität als Institution dem Drang nach Bildung feindlich gegenübersteht.

Sich davon nicht unterkriegen zu lassen und sich die Utopie, die in der Erkenntnis über die Welt liegt, nicht abspenstig machen zu lassen, ist auch an den heutigen Universitäten geboten. Daran, dass es wohl noch einige Menschen gibt, die sich diese Utopie der Bildung zumindest denken können, knüpft sich die Hoffnung, dass der Verein freier Menschen doch einmal Wirklichkeit wird.

Dies vorausgesetzt, muss es Aufgabe einer ÖH werden, diesen Drang nach Erkenntnis zu organisieren, indem eine Plattform zur Verfügung gestellt wird, auf welcher Studierende jenseits der Universität Bildung erfahren können. Eben nicht in einem Bewahren der vergangenen Universität, sondern in einem bewussten aus-ihr-Heraustreten sehen wir die Möglichkeit, das Ziel der Utopie Bildung weiterzubringen. Es kann nicht von oben diktiert werden, was der konkrete Gegenstand sein soll, womit sich die Studierenden beschäftigen. Die Auseinandersetzung muss jedoch nicht einfach das Anhäufen von Wissen zum Ziel haben, sondern ein Verständnis der Welt und ihrer Widersprüche.

Nicht die partikulare Beschäftigung mit einzelnen linken Theorien kann das Ziel sein, sondern das gemeinsame Verstehen. Der Versuch dem näher zu kommen, sei es in Lesekreisen, Vorträgen oder selbstorganisierten Seminaren ist für uns eine entscheidende Aufgabe. Nicht durch Vorgaben, was im Einzelnen gelesen und diskutiert werden soll, sondern lediglich indem eine Person zur Seite gestellt wird, welche den vorgenommenen Gegenstand schon etwas mehr ergründet hat.

Dem Konformismus entgegentreten. Bildungsräte gründen. Eine Möglichkeit zu handeln schaffen! Denn unser altes Ziel ist auch das neue: Die befreite Gesellschaft.