Zur sozialen Lage der Studierenden

Ob durch Job, Kind oder Finanzkrise – die Stressbelastung der Studierenden steigt. Mehr als zwei Drittel der Studierenden leiden unter stressbedingten Gesundheitsproblemen, schrieb die Tageszeitung „Der Standard“ bereits 2006 zur studierenden Sozialerhebung und es hat sich in aktuelleren Berichten zur sozialen Lage gar nichts verbessert. Die Studierenden leben nach wie vor mit einem Durchschnittsverdienst unter der Armutsgrenze, was noch beunruhigender ist, wenn die nivellierenden Effekte von Mittelwerten mitgedacht werden. Und nach wie vor gilt ebenso: Je bildungsferner und unbegüterter Menschen aus sozial schwacher Herkunft sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, das Studium nicht zu beenden, von der Wahrscheinlichkeit eines zu beginnen gar nicht zu reden. Schneller studieren und mehr arbeiten zu müssen ist besonders für Studierende aus nicht begüterten Milieus eine fatale Kombination.

Dazu passen auch sehr gut die Studienreformen der letzten Jahre, bei der die Beschleunigung der Studienabschlüsse eines der Hauptziele und beinahe alleiniges Qualitätsmerkmal war. Freiräume des Studiums werden durch verschulte Pläne eingeschränkt. Dadurch fehlt Raum zur Selbstbestimmung. Die Bereitschaft und die Möglichkeit, sich Zeit zu nehmen, um sich zu bilden, sinken dramatisch.

Reformen zum Fürchten – Selektion, Schließung und Umbau der Universitäten

Mit Beginn der 90er Jahre erwies sich Bildung im hegemonialen Diskurs als reformbedürftig: Autonomie für Schulen, erst Teilrechtsfähigkeit dann Vollrechtsfähigkeit an Universitäten, neues Dienstrecht, neue Stellenlogiken, Rückbau demokratischer Entscheidungs- und Steuerungsprozesse zugunsten von „Expertenentscheidungen“. Bildung wird ab Beginn der 90er bereits unter rot-schwarz, vor allem aber gegen Ende der 90er Jahre immer stärker –vermischt mit autoritären und explizit Elite reproduzierenden Untertönen – im reaktionären Wendeprojekt der blau-schwarzen Regierung Teil einer neoliberalen Dynamik.

Für eine Periode von Mitte der 1970er bis 1993 kann ein gewisser Ausgleich sozialer Ungleichheiten festgestellt werden. Das heißt die Überrepräsentierung Studierender aus bildungsnahen Schichten nimmt ab. Aber ab 1993 sinkt der Anteil der Studierenden, deren Eltern nur mittlere Bildung aufweisen. Selbst wenn der gesellschaftliche Trend zur Höherqualifikation in Betracht gezogen wird, sind die Verschiebungen zu groß, als dass sie alleine aus dem steigenden Bildungsstand der Eltern erklärt werden könnten.

Es ist ja nun nicht so, dass das österreichische öffentliche Bildungswesen als egalitär einzustufen wäre, zu dem die quasi-öffentlichen Schulen und die kirchlichen oder anders weltanschaulich geprägten und staatlich mit-finanzierten Privatschulen als Non-Profit-Institutionen dazugehören. Das sozial selektive Nebeneinander von Hauptschule und gymnasialer Unterstufe, Klassen mit 25 und mehr SchülerInnen, unzulängliche Integrationshilfen und fehlende Ganztagseinrichtungen, dazu die nur vom wohlhabenderen Teil der Eltern leistbaren Zuschüsse für Nachhilfe, PC, Sprachreisen u.ä. verursachen eine ungleiche Verteilung von Bildung und Lebenschancen. Zunehmende Ökonomisierung und Liberalisierung von Bildung verstärkt diese Ungleichverteilung. Die Herkunftsfamilie prägt durch den Bildungsstatus der Eltern und naher Verwandter sowie durch das sozio-ökonomische Milieu nicht nur die Studienwahl, sondern auch die Wahrscheinlichkeit eines Abschlusses.

Auf Basis verschiedener Daten und Analysen lässt sich auch bei einer Miteinbeziehung der Fachhochschulen eine Entwicklung zuungunsten von StudienanfängerInnen aus bildungsfernen Schichten feststellen. Die Lenkungsmaßnahmen haben eher bildungsferne Menschen vor allem von den Universitäten weggelenkt, auch wenn Einschätzungen und aktuelle Bericht zur sozialen Lage der Studiereden anderes behaupten.

Das Fehlen der Zeit zum Denken

Verschulte Studienpläne, dichte Prüfungstermine, hohe Leistungsanforderungen und alles unter Stress! Die StudentInnen werden im diskursiven Mainstream beinahe durch ihr Studium gehetzt, weil sie ansonsten angeblich dem Steuerzahler auf der Tasche liegen. Diese Argumentation stimmt zwar nicht, aber wie bei jedem Schmutzkübel, der sprachlich vergossen wird, lautet es: Es wird schon was hängen bleiben!
Wozu die Hetze gut ist, bleibt offen, denn der Arbeitsmarkt ist voll, die Löhne niedrig, die Arbeitsbedingungen außerhalb der Uni sind auch schlecht und nebenbei vertragen sich Hetze und Lernen ungefähr so gut wie das Autofahren und geringe Umweltbelastung, ganz zu schweigen von einer kritischen Auseinandersetzung.

„All I want is time; time to sit down and read, what I want to read and think, what I want to think” (Free Speech Movement)

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