Feminismus heißt das Recht auf Freiheit zu fordern!

 

Feminismus ist zunächst und allererst die Einsicht, dass Frauen Personen sind und insofern als öffentliche Personen und juristische Personen ohne Ansehen ihres Geschlechts auftreten können müssen.

Wo genau man den Beginn des modernen Feminismus verortet oder wie man ihn in verschiedene Epochen und Strömungen einteilt: Grundsätzlich ging und geht es ihm darum, verschiedenste Rechte für Frauen durchzusetzen, damit diese sich als Personen öffentlich und frei bewegen und äußern können. So schlicht sich dies anhört, so vielschichtig sind die materiellen und ideologischen Hürden, die es dafür zu konfrontieren galt und weiterhin gilt. Zentrale Überlegung des Feminismus ist dabei, dass diese Hürden wesentlich gesellschaftlich bedingt, durch patriarchale Strukturen und ökonomische Verhältnisse bestimmt sind und durch entsprechende Interventionen in diese gesellschaftlichen Bedingungen überwunden werden können.

Vergeschlechtlichung der Arbeit 

Immer wieder hat sich die Erscheinungsform dieser Strukturen und Verhältnisse in den vergangenen Jahrzehnten geändert. Sie wurde durch ökonomische Transformationen und ideologische Verschiebungen an manchen Stellen nachgiebiger, an anderen strenger gegenüber den Ansprüchen von, und in ihren Ansprüchen an Frauen.Nicht wenige Rechte konnten der Gesellschaft durch engagierte feministische Kämpfe abgerungen werden: Das aktive und passive Wahlrecht, das Recht auf Bildung, das Recht auf körperliche Selbstbestimmung, das Recht auf den Zugang zu Verhütungsmitteln usw. Einen wichtigen Hinweis darauf, dass und warum es mit diesen formalrechtlichen Fortschritten nicht getan sein würde, gibt das – mittlerweile abgeschaffte – Recht des Mannes, das Arbeitsverhältnis seiner Ehefrau ohne deren Einverständnis bzw. gegen deren Willen kündigen zu können. Der Mann sollte damit entscheiden, ob die Frau durch die Erwerbstätigkeit zu sehr von ihren häuslichen Pflichten abgelenkt werde, und entsprechend eingreifen können dürfen.Hier kommt nicht nur in den Fokus, wie Arbeit vergeschlechtlicht gedacht wird, sondern auch welche Hierarchie in dieser Aufteilung impliziert wird und welche Selbstverständlichkeit dieser Aufteilung zugesprochen wird. Zwar wurde dieses Recht der Ehemänner in der 1950er Jahren abgeschafft – wie auch viele andere, die die Autonomie der Frauen beschränkten, – aber die vergeschlechtliche Arbeitsteilung und die Geschlechterhierarchie bestimmten weiterhin die Geschlechterverhältnisse. Tradierte Rollenbilder hatten nicht nur weiter Bestand, sondern blieben – wenn auch oft in transformierter Form –wesentliche Momente von Erziehung und Sozialisation. Somit wurde zwar der Auslieferung der individuellen Frau an den individuellen Mann durch gesetzliche Bestimmungen Einhalt geboten, aber tatsächliche Chancengleichheit, tatsächliche Gleichberechtigung, stellten sich dadurch noch lange nicht umfassend ein.

Von der Selbsterfüllenden Prophezeihung zur Selbstbestimmung

Vor allem soziologische und psychologische Aspekte dieses Problems traten vermehrt in den Blick; ein weitestgehend bekanntes Beispiel für dabei relevante Effekte ist die ’selbsterfüllende Prophezeiung‘. Wo Mädchen Zeit ihres Lebens damit konfrontiert werden, sie wären qua ihrer Weiblichkeit unfähig bestimmte Fächer erstklassig zu beherrschen; wo Buben damit aufwachsen, sie wären qua Männlichkeit Mädchen überlegen, wird weibliches Selbstbewusstsein in Bezug auf die eigenen Fähigkeiten von vornherein untergraben, und immer wieder massiv in Frage gestellt –insbesondere, wenn sie auf männliche Kollegen treffen, die ihre Kompetenz schlicht aufgrund ihrer Weiblichkeit beständig anzweifeln. Wo Frauen immer noch mit derselben Selbstverständlichkeit als verantwortlich für die Kindererziehung gesehen werden, sind ihnen Bildung und berufliche Perspektiven versperrt.Wo Frauen, sobald sie in die Öffentlichkeit treten, auf Basis ihrer Weiblichkeit beständig sexistischen Übergriffen und Anfeindungen ausgesetzt sind, ist es nicht verwunderlich, wenn sie sich gegen Positionen entscheiden, in denen sie verstärkt diesen Dynamiken ausgesetzt sind.Das alles – und vieles darüber hinaus – prägt den aktuellen Feminismus; das Ziel ist möglichst viele dieser Dynamiken zu erkennen, sie zu analysieren und Strategien zu entwickeln, die ihnen entgegenwirken können.

Dazu gehören Forderungen nach umfassender körperlicher Selbstbestimmung, die immer wieder beschnitten und eingeschränkt wird; Forderungen nach kostenloser Kinderbetreuung, damit sich Frauen nicht zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen; und Forderungen nach bildungspolitischen Reformen, die bereits in Kindergarten und Schule starren Geschlechterrollen entgegenwirken, damit Mädchen am Ende Informatikerin und Buben Erzieher werden können.

Kritischer Feminismus und das Versprechen der Freiheit

Viele Widersprüche von feministischer Praxis und feministischen Forderungen entstammen dabei der Transformation der Geschlechterverhältnisse, die in den letzten Jahrzehnten weniger personal geworden sind, dabei aber nicht einfach aufgehoben wurden. Jahrhunderte alte Stereotype werden nicht über Nacht überwunden, Feministinnen sehen sich seit jeher in den verschiedensten Bereichen immer wieder mit denselben Vorurteilen und Klischees konfrontiert.Immer wieder muss darum gerungen werden, dass auch hier oder auch in dieser Hinsicht Frauen als Personen zu gelten haben.

In dieser Tradition stehen z.B. die Interventionen schwarzer Frauen. Obwohl der Feminismus von der praktischen Erfahrung aller Frauen ausgehen will, wurde er immer wieder durch diejenigen bestimmt, die am ehesten auf Gehör hoffen konnten – also konventionellen Erwartungen an Frauen entsprachen, und insofern viele Erfahrungen anderer Frauen nicht, oder nur unzureichend berücksichtigten. Auch waren Feministinnen als Feministinnen natürlich nie frei von Vorurteilen und Ressentiments.Gleichzeitig war die Frauenbewegung geprägt von ihren Entstehungs- und Entwicklungszusammenhängen. Das Ideal der Freiheit war immer wieder Zentrum innerfeministischer Kämpfe – weil es sich dabei einerseits nicht um eine bloß formelle Frage handelt, andererseits jedoch ein hohes Maß an Abstraktion nötig ist, um möglichst viele Frauen an unterschiedlichen Orten und in verschiedenen Lebenszusammenhängen einbeziehen zu können. Das Problem: Beharrlich entsprachen diese Abstraktionen sehr spezifischen Lebenszusammenhängen und bedürfen bis heute immer wieder der Ergänzung und Ausweitung. Daraus ergab sich eine grundlegende Unzufriedenheit mit ‚dem Feminismus‘: Seine Widersprüche wurden nicht mehr als Folge der gesellschaftlichen Verhältnisse, auf die er versucht Antworten zu finden, interpretiert, sondern er selbst wurde zum Problem erklärt, das es zu überwinden gilt.Damit allerdings wird das Versprechen der Freiheit nicht nur nicht eingelöst, sondern kann als Versprechen gar nicht mehr in Erscheinung treten.

Immer wieder wird auch die biologische Differenz (schlichteste Variante: Uterus/kein Uterus) herangezogen, um die Benachteiligung von Frauen zu legitimieren.Gegen diese Bestrebungen wendet sich die Unterscheidung von biologischem und sozialem Geschlecht. Sie konzentriert den Blick darauf, wie viele der vermeintlich natürlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern Ergebnis sozialer Zusammenhänge sind und als solche in Frage gestellt und umgestaltet werden können.Die grundlegende Erkenntnis ist dabei, dass Freiheit eben nur als Freiheit aller gedacht werden kann. Sie besteht gerade darin, sich unter Absehung körperlicher Dispositionen, ökonomischer Voraussetzungen, biographischer, religiöser oder ideologischer Prägungen, als Person verwirklichen zu können.Die Einsicht, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse diesem Ideal widersprechen, bestimmt die feministische Bemühung, diese Verhältnisse zu überwinden.

 

Literaturempfehlungen für eine weiterführende Lektüre

Beauvoir, Simone de: „Das andere Geschlecht“
Becker-Schmidt, Regina / Knapp, Gudrun-Axeli: „Feministische Theorien zur Einführung“
Bovenschen, Silvia: „Die imaginierte Weiblichkeit“
Domscheit-Berg, Anke: „Ein bisschen gleich ist nicht genug! – Warum wir von Geschlechtergerechtigkeit noch weit entfernt sind. Ein Weckruf“
Wolf, Naomi: „Der Mythos Schönheit“

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